
ERSTER
BRIEF
Wie schreibt man Briefe an einen Toten? Überhaupt, Briefe
zu schreiben, welch anachronistisches Unterfangen im 21. Jahrhundert.
Wir schreiben E-Mails, bestenfalls, wenn der andere telefonisch
nicht erreichbar ist. Wenn er zu der schrumpfenden Minderheit
zählt, die kein Funktelefon besitzt, kein Handy auf Neuhochdeutsch,
oder keinen Anrufbeantworter. Dann schreibt man eine E-Mail,
electronic mail: kurz, klar, das Wichtigste, zu digitalen
Zeichen komprimiert und von Computer zu Computer in wenigen
Sekunden gesandt. Doch was ist das Wichtigste?
Beim Zeus, in was für Nöte Sie mich bringen. Nur,
weil ich Ihnen schreiben will. Einem Toten, nein, einem Unsterblichen.
Sie müßten sie sehen, diese Berge von Büchern,
die gleichsam aus dem Nichts, wie eine Springflut aus dem
Geplätscher der Literaturwellen aufschießend, die
Buchläden seit einem halben Jahr überschwemmen.
Ein doppelt heikles Bild, ich gestehe es.
Denn freilich kommt der Bücherstrom
nicht aus dem Nichts, Ihrem Werk ist er entwachsen. Ein Geist
nährt noch immer hundert Geisteswissenschaftler, von
dem Heer der Geistbeschwörer ganz zu schweigen. Ihr Freund,
wenn man ihn so nennen darf, der Geheime Rat in Weimar drüben,
hält eine wahre Industrie in Lohn und Brot. Zwar ist
der VEB Goethe stiften gegangen, aber auch als GmbH lebt man
leidlich von seinem Werk, und manche Ich-AG dazu. Klassik
als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Das Kauderwelsch der
neuen Zeit, wie soll ich es Ihnen übersetzen? Verstehen
wir es doch selber kaum. Wie erklären, daß Kultur
ein Geschäft ist, Herr Schiller, Ihr Todestag ein Lichtblick
für vielerlei Gewerbe. Zynisch sind die Verhältnisse,
nicht der, der sie benennt. Jetzt endlich, schreiben die Journale,
sei Ihre Stunde gekommen, würden Sie aus dem Schatten
Goethes treten, den der Ihre doch zu Lebzeiten schon um einen
Kopf übertraf. Mehr noch: ein ganzes Jahrhundert hatte
Sie zum Lieblingsdichter der Deutschen erkoren. Wie konnten
Sie nur so gründlich ins Hintertreffen geraten? Es gab
noch Museen, zweifellos, eine Gesellschaft und ein Jahrbuch
mit Ihrem Namen. Doch seien wir redlich, gestehen wir uns
und Ihnen die Wahrheit, die Sie selbst zur höchsten Richterin
erhoben. Die bittere Wahrheit aber lautet, daß niemand
vor nur einem Jahr nach Ihren Texten verlangt hat. Nichts
lag uns ferner, als Ihr Idealismus, Ihr Pathos, Ihre Begeisterung,
die nur noch aus Pietätsgründen im germanistischen
Oberseminar gestreift wurden, die als Rohstoff lediglich jene
Autoren beschäftigten, die im Auftrag ihrer Verlage die
Bücher zu schreiben begannen, deren Flut uns heute ereilt.
Flut – ein Wort, das sich anders
liest, seit vor drei Monaten eine Sturmwelle die Welt heimgesucht
hat. Ein Erdbeben, vergleichbar mit jenem, das Lissabon in
Ihrer Kindheit verschlang, hob den Ozean im Südosten
Asiens über die Ufer, riß Einhundertfünfzigtausend
Menschen in den Tod, versetzte Millionen in Not und Schrecken
und hat Milliarden bewegt. Sie hören recht: Milliarden,
sechs Milliarden Menschen bevölkern die Erde. Ein Fünftel
davon lebt in einer reichen Welt, die sich die erste nennt,
die Mehrzahl dagegen in einer anderen, die man in den Nachrichten
noch immer, aus Gewohnheit, die dritte heißt. Obwohl
die zweite Welt, die sich vor zwanzig Jahren noch waffenstarrend
als unerschütterliche Macht behauptet hat, längst
verschollen ist, untergegangen in einem anderen Beben.
Von alledem will ich Ihnen berichten,
von den Wellen, die unser Leben erschüttern, die uns
empor tragen und in jähe Tiefe stürzen. Und dann
mag sich zeigen, ob Ihre Ideen, Ihre Briefe über die
ästhetische Erziehung, diese Flaschenpost im Strom der
Zeiten, noch Bestand haben. Auch Ideen, Herr Schiller, sind
vergänglich, ihre Verwirklichung gebunden an die Bedingungen
von Raum und Zeit. Wer den Kairos nicht ergreift, die Chance
des Augenblickes, dem bleibt nur die Trauer über versäumte
Möglichkeiten. Und die Unsterblichkeit? Ist ein Gespräch:
So lange wir uns eines Menschen erinnern, lebt er ins uns
fort, so lange seine Fragen uns bewegen. Fragen, wie die nach
der Schönheit in dieser hässlichen Welt, mit all
ihren Freuden, Leiden, Grausamkeit und Liebe dennoch. Wie
und ob der Mensch denn zu erziehen wäre, dessen Technik
die Erde wie ein Titan umfasst und der ratloser denn je auf
das Tagwerk seiner Hände blickt.
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