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Edition Ornament
Matthias Biskupek. Lob des Kalauers und andere Für- und Widerreden
Essays aus zehn Jahren
 

"Do-Kiri-Kaeshi II"

Frontispiz-Collage von Nehmzow

Matthias Biskupek.
Lob des Kalauers. Essays.

Hrsg., gestaltet und mit einem Nachwort versehen
von Jens-Fietje Dwars
Mit einem Frontispiz von Nehmzow
112 Seiten, Engl. Broschur mit handmont. Etikett in Prägung und Lesefaden
500 num. Expl.

50 Vorzugsexemplaren liegt je ein signierter Originalabzug der Radierung "Sehnsuchtsvolle Erinnerung" von Nehmzow bei.

Nur noch 5 Exemplare der VA lieferbar!

ISBN 978-3-936455-55-7
Vorzugsausgabe Nr. 1-50: EUR 49,90
Normalausgabe Nr. 51-500: EUR 14,90

Zu bestellen beim Herausgeber

"Sehnsuchtsvolle Erinnerung" - Radierung von Nehmzow
für die Vorzugsausgabe


Siehe auch den Band außer der Reihe: "Nehmzow / Im Weltgetriebe".


Die Presse urteilt:

Matthias Biskupek hat ein neues Buch vorgelegt. Diesmal sind es Essays aus den zurückliegenden zehn Jahren, für deren ästhetisch hochwertige Bündelung und Ausstattung in 500 numerierten Exemplaren der Verlag wohl an gewisse kleine Reserven gegangen sein muss. Dass sich ein thüringisches Verlags-Eigengewächs solch selten gewordene Autorenpflege leistet, sagt zweierlei: Biskupeks meist kurze, allemal leicht zu lesende, aber durchaus auch schwer im Magen liegende Texte sind verlegerisch eine sichere Bank. Dass dem wiederum so ist, dafür werden die Themen ursächlich sein, die der bissig-wache Weltbeobachter zum Essay aufwertet.
Mindestens genauso wichtig ist freilich die zumeist pointierende Art, in welcher der Wort-Artist und Qualitätskontrolleur unserer Muttersprache die Buchstaben zu gleichermaßen aufhorchenden wie merkenswerten Wörtern und Sätzen aneinanderreiht.
Heinz Stade, in: Thüringer Allgemeine

"Deckelschilder" nannte Kurt Wolff die Titelaufkleber für seine Reihe "Der Jüngste Tag". Nach dem Vorbild des großen Verlegers klebt der Jenaer Autor Jens-Fietje Dwars "handmontierte Etiketten" auf ein paar hundert edle, mit feinem Papier ausgestattete und schwarz eingebundene Hefte seiner "Edition Ornament". Ein kleines bibliophiles Ereignis, denn 50 Exemplaren liegen originale Grafiken bei. Nicht nur Büchersammler werden diese handlichen Kostbarkeiten, ausgestattet mit rotem Lesebändchen und passend für die Jackentasche, als hüten. Jüngst erschien das dritte "Ornament": "Das Lob des Kalauers" des keineswegs kalauernden Matthias Biskupek, der in Rudolstadt/Berlin seinem satirischen Weltgeist freien Lauf lässt. .... Biskupek bietet keine Schonkost, wenn er auf "Vorurteile der Gegenwart" stößt, das "Ost-Wesen" betrachtet und sich mit Ungeliebten in der Provinz solidarisiert. Tritt der Satiriker als Redner auf, neigt er zur geübten Kürze - für Zuhörer und Leser ein amüsanter Genuss. Noch knapper sind die Porträts über Freunde und Kollegen, ergänzt durch Betrachtungen über das Lachen und die Kunst des Essays.
Annerose Kirchner, in: Ostthüringer Zeitung

In bibliophobischen Zeiten blüht - den Idealisten sei Dank - stets trutzig das Nebenzweiglein der Bibliophilie. Über diesen Zweig kann der dem Meinungsavantgardismus abholde Leser ab sofort Matthias Biskupeks im quartus-Verlag erschienene Essaysammlung erwerben. Er wird es nicht bereuen. Sie heißt "Lob des Kalauers", herausgegeben, gestaltet und mit einem Nachwort versehen von Jens-Fietje Dwars... Fadenheftung... Englische Broschur mit weinrotem Vorsatz, Lesefaden und handmontiertem Etikett in Blindprägung... Das klingt wie eine Ingredenzienliste aus dem schön-geistigen Literatur-Bilder-Drogenalmanach "Streifzüge durch den Thüringer Kräutergarten" (Faber & Faber); welchen man sich vor, nach oder parallel zur Essaysammlung zur heilsamen Erbauung lesend infundieren kann.
Im ersten, von ernstem Schwarz ummäntelten Buch, begibt der Leser sich in Biskupeks Gedankensammlung aus zehn Jahren. Der Autor legt für die heutige Schreiberzunft rare Eigenschaften an Tag. Zuförderst: Biskupek eifert nicht, er denkt nach. Zweitens: er ist ironisch, aber kein permanenter Pointenreißer; und melancholisch, weil diese Eigenschaft zur Ironie gehört. Drittens: Hohn, Wichtigtuerei und Zynismus zugunsten der Leserunterhaltung sind Biskupek fremd. Er "kennt seine Pappenheimer", d.h. er sieht die Menschen in ihren Ver- und Entwurzelungen und verurteilt sie nicht, sondern urteilt. Die Fragen unserer jüngeren Zeit nach Patriotismus, Provinz, Heimat oder nach dem "Ostwesen", beantwortet Biskupek mit gebotenem Groll, jedoch auch mit der Vorsicht eines Mannes, der über das (Geheim)Wissen eines uneitlen Menschen-, und Sprachkenners verfügt. Die Botschaften seiner "Für- und Widerreden", gesendet vornehmlich aus der thüring'schen Kleinstadt Rudolstadt, heben sich, weil von wirklicher Essayistenkunst, ab von jeglicher Heimatblättelliteratur, die ihre Identität in Wurst&Kloß-Tümelei findet.
Kerstin Hensel, in: Ossietzky

Der Buchtitel lenkt zum warmtönenden Lied auf den 80. von Hansgeorg Stengel. Aber was heißt Buch? Mattschwarze Pappdeckel, handgeklebtes Titeletikett, weinroter Vorsatz, gelblich-edles Papier, Fadenheftung und Lesefaden – edel aufgemachte, aufbewahrte, geronnene Zeit. Was sich womöglich verflüchtigt hätte, unsichtbar geworden wäre im Auf- und Abblenden der Jahre, jetzt ist es wiederzulesen.
Marion Pietrzok, in: Neues Deutschland

 

 
Leseprobe


Die halbe Kunst
Versuch und Irrtum zum Essay

Ich habe meinen Herder, der mit den „Kritischen Wäldern“ Grundlegendes zum Essay schrieb, natürlich nicht – nicht wirklich, ist die heute verbindliche Formulierung - gelesen. Ich habe ihn in eine elektronische Suchmaschine eingegeben und bin informiert worden: Das Waldsterben hat eine kritische Grenze erreicht und die Firma Herder setzt Arbeitskräfte frei.
Wir erfahren etwas ganz genau, das wir nicht brauchen können. Das ist die Eins, digitalisiert ausgedrückt. Die Null hingegen sagt uns, dass wir nichts wissen. Die Null, die andere Hälfte jeder digitalisierten Wahrheit, wirft uns auf alte griechische Lebenserfahrungen zurück: Es ist ein Scheiß, dass ich nichts weiß.
Wenn die digitale Welt auf den Hund namens Eins gekommen ist, kann sie nicht mehr halbiert werden. Das analoge Wesen Mensch aber mogelt sich daran vorbei und singt als Liedermacher Wenzel, der gleich im ersten Text dieses Bandes auftaucht: „Der Mensch halb Stier, halb Affe, / Halb tierisch meine Lust. / Und alles, was ich schaffe, / Ist halb gewollt, gemußt.“
Wenzel gehört für gesamtdeutsche Musikalienfreundeskreise und eine Handvoll ostdeutscher Intellektueller zu den lichtvollsten Geistesgestalten. Dem werden die Lufthoheiten im deutschen Feuilleton widersprechen: Wenzel wer? Wir kennen keine einst Halbwiderstand leistende Unrechtsstaatsdichter mehr, wir kennen nur noch Deutsches Bundesdenken!
Können Lufthoheiten aber meiner nächsten Feststellung widersprechen? Ich bin mir der allerwichtigste Mensch. Weltweit. Ein Schriftsteller, Essayist, Romancier, Radfahrer und Lyriker von allein meinem Rang, der nichtsdestotrotz von sich Besseres gewohnt ist. Als ich die Hälfte meines Lebens noch längst nicht erreicht zu haben glaubte - ich war als Nachwuchsdichter bei meinen eigenen Interessen angestellt -, fertigte ich diese, zu Zeilen gebrochene Erkenntnis: „Halbzeit-Krisis // Den Teller eß ich halbleer / Mein Wissen geb ich halb her / Ich brauche dich so halb sehr / Das Herz wird mir nur halbschwer / Gedichte schreib ich halbfer- / Tick“.
Es ist jener Tick, der nicht nur das Gedicht, sondern auch den Essay ausmacht. Oder das Essay? Gelegentlich ist es nämlich kindisch. Ansonsten wissenschaftlich, jedoch keine Wissenschaft. Der Essay ist leichtfüßig, aber kein Bruder Leichtfuß. Er ist das Schwere, das einfach gemacht werden muß. Jeder versteht ihn, aber keiner will ihn begriffen haben. Denn die Voraussetzung des Essays ist die Unbefangenheit. Der letzte Satz stammt von jener Lufthoheit, die als Marcel Reich-Ranicki über allen kritischen Wäldern dahinsegelt, während die anderen Sätze beim Surfen aus meiner privaten, über der Nase montierten Festplatte herauspurzelten. Weshalb die Feststellung: Ich mach mir ne Platte, in Zeiten von Nullwissen und Einseraufsätzen zu neuem Glanze kömmt.
Herder war noch ein user der Sprachform kömmt. Sie merken, geneigter, also etwas schräg veranlagter Leser, wie mein ringförmiges Denken Kreise zieht? Für die dem Essay verwandte Form, das Feuilleton, lautet der vollständige Ausdruck ringförmiger Rückkehr: Auf einer Glatze (Platte!) Locken drehen. Wozu auch der fröhliche Verzicht auf Gründlichkeit gehört – was wieder des Großen Marcel just so formulierte Erkenntnis ist.
Sie können die im übergreifenden Untertitel als Essays ausgepreisten Texte folglich getrost als Feuilletons bezeichnen, auch wenn sie eigentlich Eröffnungsreden, Grabreden, Lobgesänge und Verrisse sind. Sie wollen nie mehr als die knappe Hälfte sagen, weil das große Ganze langweilig wäre. Sie sollen keine Kunst sein, aber sie wollen es inbrünstig. Sie unterliegen ständig jenen Irrtümern, die das Flanieren in kritischen Wäldern zumindest zu einem kleinen Abenteuer machen: Finde ich wieder heraus aus diesem Gedankenweg, oder ist er eine Sackgasse?
„Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, ist ein Aufsatz von Kleist überschrieben. Was aber tut der noch nicht zu Ende gedachte Gedanke in der Sackgasse? Er bleibt einfach stehen und sagt nicht: Kanjez Filma – nu pagadie!*, sondern: Das war ein Essay!

* Westdeutsche Patrioten finden Erklärung im Internet


Herstellung: poliTEXTbüro Update: 05.05.2020